Interview mit Marcel Stucki

Im Rahmen der Maturaarbeit ergab sich die Möglichkeit, passend zum Thema ein Interview mit dem professionellen Stuntman und Stunt-Koordinator Marcel Stucki zu führen.
Das Interview soll die Brücke schlagen zwischen den Analysen der Szenen und der Arbeit hinter den Filmkulissen. Es soll aufzeigen und einen Ansatz zur Beantwortung der Frage bieten, weshalb Szenen in Actionfilmen unrealistisch dargestellt werden.

Wer ist Marcel Stucki?

Marcel Stucki ist ein Stuntman und Stunt-Koordinator aus Bern. Er hat sich Zeit genommen für ein Interview, um mir einen kleinen Blick hinter die Kulissen des Filmemachens zu ermöglichen. Mit seinem Unternehmen «Stucki Action» hat er an vielen verschiedenen Projekten mitgearbeitet wie «Mad Heidi», «Der Bestatter» oder auch an der Netflix-Serie «Neumatt».

Für das Interview trafen wir uns am 18.06.2024 in Zollikofen im Quadrat, einem Kaffee. Während des Interviews habe ich gemerkt, wie gross seine Leidenschaft für den Film ist. Er erzählt begeistert von Projekten, Erlebnissen und was ihm in dieser Branche wichtig ist.
Ich habe das Interview mit seiner Erlaubnis aufgenommen und danach ins Deutsche transkribiert, da das Interview auf Berndeutsch geführt wurde.

Was interessiert dich am Film und wie kamst du zum Film?

Marcel: Wie bin ich zum Film gekommen? Also das hat sicher schon als Kind begonnen. Ich war sicher schon immer ein wilder verrückter Junge und bin bei meinen Eltern aus dem Fenster gesprungen oder habe Veloschanzen gebaut. Dann war das schon immer so ein Kindheitstraum. Wir haben auch immer Serien geschaut wie «Das A-Team» oder «Ein Colt für alle Fälle». Und das waren so Serien aus den 80ern, bei denen man sich gedacht hat, es wäre schon cool, mal etwas so zu machen.
Dann habe ich schon als Kind Kurse gemacht, die in diese Richtung gehen. Nach der Lehre als Chemielaborant hatte ich das Gefühl, ich müsse dem Traum nun folgen und habe alle meine Sachen hier gepackt und bin dann auf nach Amerika. Weil ich wollte dorthin, wo diese Filme gemacht werden. In Los Angeles und so einfach mal schauen, wie das funktioniert. Das war vor 20 Jahren und so bin ich irgendwie dazu gekommen.
Und wie das das Ganze funktioniert, wie wird das gemacht in einem Film, hat mich immer interessiert.

Du arbeitest in deiner Firma «Stucki Action», wie kamst du zu dem und wie konntest du dir das aufbauen?

M: Am Anfang muss man versuchen, irgendwie reinzukommen. Da machst du zuerst mal Filmchen von dir, damals noch auf Film. Dann haben wir das irgendwie zusammengeschnitten zu einem Demovideo von mir, wovon ich damals eine CD gebrannt habe. Dann habe ich das an verschiedene Produktionsfirmen geschickt und gesagt, wenn ihr mal jemanden braucht, der irgendwo runterspringt, könnt ihr mich anrufen. Und so hat sich das irgendwie ergeben. In den ersten paar Jahren hatte ich nur so 1-4 Einsätze gehabt pro Jahr, bei denen ich irgendwo von einem Gerüst runterfallen musste für die Suva, für ein Gerüstsicherheitsvideo. Für solche Videos wurde ich engagiert. Dann wurde das immer mehr und auch das Netzwerk wuchs über die Jahre und wurde immer grösser. Bis wir dann auch ganze Filme gemacht haben und mehrere Leute hatten. Dann habe ich auch angefangen Kurse zu machen, bei denen ich eigene Leute ausgebildet habe. Mit denen zusammen haben wir erkannt, dass wir einen Ort brauchen, an dem wir trainieren und uns einrichten können. So hat sich das über die Jahre entwickelt.

Wie sieht deine Arbeit im Moment aus, machst du immer noch selbst Stunts oder koordinierst und entwickelst du nur noch Szenen?

M: Ich bin momentan meist in der Position, die die Organisation macht. Beides kann ich nicht machen. Ich mache ab und zu immer noch Stunts oder manchmal engagiert mich auch jemand anders als Stuntman. Dort habe ich dann keine Verantwortung und jemand sagt mir, kannst du da zum Autofahren kommen. Dann mache ich das schon auch noch. Doch die Hauptaufgaben sind momentan zu entwickeln, zu planen und choreographieren. Es hat beides seine Vor- und Nachteile, manchmal ist es auch gut, wenn man nicht die ganze Verantwortung haben muss und dann einfach den Stunt machen kann. Was ja eigentlich der spassige Teil der Arbeit ist. Die ganze Vorbereitung, bis es dann am Schluss zu einem Stunt kommt, ist manchmal eine nervenaufreibende Angelegenheit.

Dieser Beruf bringt ja auch ein gewisses Risiko mit sich. Hast du dich schon einmal verletzt?

M: Früher, als ich noch selber viele Sachen gemacht habe schon. Ich musste ein paar Mal nähen gehen und hatte einmal ein paar kleinere Verbrennungen. Aber jetzt nie so, dass ich länger im Spital bleiben musste. Einfach so kleinere Sachen, die auch so hätten passieren können.

Wenn du eine Szene machst, entwickelst du die immer selbst oder hast du bestimmte Vorgaben? Wie sieht dieser Ablauf aus?

M: Es kommt darauf an, in welchem Bereich du der Stuntman bist, oder ob du der Stunt-Koordinator bist, also derjenige, welcher den Überblick über alles hat. Es gibt zu jedem Film ein Drehbuch, das meistens über 100 Seiten lang ist. Normalerweise erhalte ich das Drehbuch im Voraus und dann lese ich mir das ganz genau durch und schreibe die Szenen heraus, bei denen ich sehe, da ist ein Kampf, da fällt jemand die Treppe herunter oder da ist eine Autoverfolgungsjagd. Und dann überlege ich aufgrund von diesen Angaben mit meinem Team, wie man das machen kann, wie kann man das lösen. Also wo findet das statt, und muss man aufgrund von dem auch eine Offerte erstellen? Denn ich werde ja von einer Produktionsfirma angestellt und bezahlt. Und dann ist das ein Prozess mit viel Hin und Her und wie könnte man die Fragen lösen? Es kommt immer darauf an, in welchem Rahmen, das stattfindet.

Sieht die Arbeit bei grösseren Produktionen, wie beispielsweise in Hollywood, anders aus?

M: Grundsätzlich gibt es verschiedene Berufe in diesem Feld, wie eben den Stunt-Koordinator, der den Überblick über alles hat. Dann gibt es Rigger, die machen alles, was mit Seiltechnik zu tun hat. Zum Beispiel gerade bei Superheldenfilmen, wo jemand fliegen muss. Für solche Sachen gibt es diese Stunt Rigger, auch wenn jemand bei einer Explosion davonfliegt.
Dann gibt es auch ganz viele Leute für Special Effects, dann eine Gruppe, die spezialisiert auf Feuer ist. Dann kann es natürlich gut sein, dass bei einem grösseren Film, wo das Team dann riesig ist, dass dann 30-40 Stunts in einem Film sind. Und so hat es dann vielleicht fünf Stuntmen, die Szenen mit Autos machen, fünf, die etwas mit Explosionen machen und fünf, die etwas mit Seilen machen. So sind es natürlich schnell viele Leute. Aber dort ist die Produktion viel grösser, dort arbeiten dann total 200-300 Leute an einem Film. Es herrschen dort andere Dimensionen. Es gibt auch noch Fight Choreographen, die machen nichts anderes, als Kämpfe zu choreographieren und die mit den Schauspielern einzuüben. Es gibt diese Untergruppen, welche auf etwas spezialisiert sind.

Bist du auch auf etwas spezialisiert?

M: Also eigentlich ist es so, entweder du bist auf etwas spezialisiert, also kannst du etwas besonders gut oder du bist in allem ein bisschen gut. Das bin ich. Die meisten, welche in allem ein bisschen gut sind, machen den Job wie ich, weil sie eben alles kennen, engagieren aber Spezialisten für gewisse Bereiche. In Amerika ist das noch besser möglich, weil es dort viel mehr Arbeit gibt, es gibt beispielsweise Stuntleute, welche nur Autofahren. Die sagen, ich bin spezialisiert auf das, ich kann auf zwei Rädern fahren, ich kann alles Mögliche. Und ich will nichts anderes machen. Und auch die haben genug Arbeit, weil es dort natürlich auch so viele Produktionen gibt. Hier in der Schweiz oder generell in Europa gibt es das weniger. Hier ist es gut, wenn du ein bisschen von allem kannst. Je mehr Sachen du gut kannst, desto mehr Möglichkeiten hast du dann auch einen Job zu bekommen.

Bei diesem Entwicklungsprozess schaut ihr auf Realistik, rechnet ihr nach?

M: Es kommt auf das Filmgenre darauf an. Das hat einen Einfluss auf das Ganze. Im Drehbuch für «Neumatt», welches ich betreute, gibt es einen Autounfall. Dort fahren beide Hauptdarsteller und werden immer schneller, bis der eine ins Steuer greift und sich das Auto überschlägt. Jetzt muss man überlegen, was hat man hier für einen Film. Ist das hier ein Marvel Actionfilm oder eher eine Dramaserie. Ist es etwas, das vom echten Leben inspiriert ist? Aufgrund von dem muss man sich jetzt überlegen, muss man dort jetzt einen hollywoodreifen riesigen Stunt machen, dann passt das nicht unbedingt zu der Serie. Aber wenn es ein realistischer Unfall ist, dann passt es auch eher in das Bild der Serie. So gestalten sich die Überlegungen, mehr was passt zu diesem Genre des Filmes. Bei einem Actionfilm muss das spektakulärer, muss das grösser sein als es im richtigen Leben möglich wäre, denn das ist ja das, was die Leute sehen wollen. Sonst wären sie enttäuscht. Das hat einen grossen Einfluss darauf, wie man es am Schluss macht.
Zusätzlich kommt es immer noch darauf an, was es für eine Szene ist und was darin passiert. Bei einem Kampf hast du meistens mehrere Charaktere, die darin involviert sind. Und was sind das dann für Charaktere, also was spielen und können sie. Würde man ihnen zutrauen, zu kämpfen wie ein James Bond oder sind es zwei, welche sich eher am Boden rangeln. Es spielt eine grosse Rolle, mit was man arbeitet und was auch die Personen können. Können sie Kampfsport und gibt es einen richtigen Kampf oder gibt es ein Gerangel. Diese Überlegungen spielen auch eine grosse Rolle.
Dann gibt es noch den Regisseur, welcher die ganze Leitung übernimmt, der auch noch seine Vision hat. Der dann sagen kann, ich muss das realistisch haben wegen den Personen und deren Fähigkeiten, etwas anderes würde nicht in den Film passen.

Denkst du ein Actionfilm, der nur realistische Szenen hätte, würde die Leute immer noch ansprechen?

M: Dort kommt es wieder extrem darauf an, um welches Genre es geht. Ich meine, wenn du einen James Bond Film schauen gehst, willst du ja das schauen. Du willst sehen, wie er immer wieder an diesen Punkt kommt, wo es nicht weiter geht, und trotzdem geht es weiter. Weil sonst wäre er wahrscheinlich in der ersten Szene im richtigen Leben schon tot. Und ich glaube dieses Übernatürliche, dieses doch noch, doch noch, doch noch zu überleben macht natürlich so einen Film aus. Jemand, der so einen Film im Kino sehen gehen will, erwartet das auch. Wenn es dann nicht den Erwartungen entspricht, kann dann enttäuschend sein. Die Fantasie, dass eben übermenschliche Sachen möglich sind, hält dies am Leben. Und wenn du dann jetzt einfach ein Drama schauen gehst, welches aus dem Leben gegriffen ist, wäre man vielleicht auch enttäuscht, wenn übernatürliche Sachen zu sehen sind. Dann könnte man auch denken, das ist jetzt mega unrealistisch gewesen. Es kommt immer sehr auf das Genre drauf an, welches du schauen gehst. Und ich denke, das Überlegen sich die Leute schon. Man geht ja auch mit einer gewissen Haltung oder Erwartung einen Film schauen. Und die Filmemacher wollen die Erwartung vom Publikum auch erfüllen.

Kommen dir viele Szenen von Actionfilmen in den Sinn, die nicht realistisch scheinen?

M: Ja nebst den Marvel Filmen, bei denen es ja klar ist, so auch die James Bond und die «Mission Impossible» Filme, alle aus dem Action Genre. Dort muss der Hauptdarsteller ganz viel überleben. Dort sucht man ja dann nach Wegen, wie sie solche Sachen oder verrückten Stunts überleben. Da fragt man sich sicher meistens. Aber eben, ich glaube es ist sicher von der Story so gewollt, dass es immer so weitergeht.

Denkst du, es gab beim Filmemachen eine Phase, in der man die Stunts und Actionfilme übertrieben hat, so dass es nicht mehr realistisch war?

M: Vielleicht hat es mal so eine Phase gegeben, in der man gedacht hat, jetzt haben wir neue Möglichkeiten und wollen schauen, was alles machbar ist. Heute denke ich, versucht man den Computer und die Effekte so einzubauen, dass man es möglichst nicht merkt. Man versucht es zu verstecken. Wenn du etwas schaust, merkst du ja kaum, was alles computergeneriert ist.

Was ist dir noch wichtig zu sagen?

M: Für die Leute ist es sicher spannend hinter die Kulissen zu blicken. Wegen dem haben wir auch zwei «Behind The Scenes» Filmchen gemacht. Ich merke immer von den Leuten, dass man gar keine Ahnung hat, wie viel Aufwand dahintersteckt. Man geht einfach den Film schauen und realisiert nicht, dass viele Leute viele Monate beschäftigt waren, sich zu überlegen, wie man das jetzt machen könnte. Und dass das ein sehr aufwändiger Prozess ist, in den man viel Zeit investieren muss, und man sich ständig am überlegen ist, wie man es noch besser machen kann, wie kann man es anders, wie kann man es spektakulärer machen. Kann man Sachen bauen? Kollegen von mir haben Geräte entwickelt für bestimmte Szenen, um Probleme zu lösen. Es werden also ganz spezielle physikalische Geräte entwickelt und designt. Es ist ein grosser Teil, dass viele technische Geräte dafür entwickelt werden, damit man solche Stunts machen kann. Es ist eine ganz eigene Abteilung von Forschung und Entwicklung und Design. Es ist sehr interessant, wie viel Zeit dort reingesteckt wird. Und wir sagen ja als Grundsatz immer 90% der Zeit ist Vorbereitung und 10% der Zeit ist dann der Stunt selber. Also die Hauptaufgabe ist eigentlich die Vorbereitung und die Planung. Der Stunt an sich ist dann ein ganz kleiner Teil von dem Ganzen, den man dann im Film sieht.

Es grosses MERCI

Vielen Dank an Marcel Stucki für das Interview. Es war sehr spannend einen Einblick hinter die Kulissen des Filmemachens zu erhaschen! Danke vielmals für die Zeit, die du dir genommen hast um mit mir zu sprechen und alle meine Fragen zu beantworten. Mersi viu mau!